Ausgeprägtes Hörerlebnis bei Blindheit

Hören Blinde besser? Andrea Bocelli, Ray Charles, Stevie Wonder – einige Künstler, die zu den wohl außerordentlichen Musikern unserer Zeit gehören und eines gemeinsam haben: Blindheit.

Es ist bekannt, dass sich Menschen bei Blindheit auf ihre anderen Sinne und Fähigkeiten konzentrieren müssen, um sich in unserer Welt zurechtzufinden und orientieren zu können. Blinde nehmen Geräusche und Laute ihrer Umgebung zur räumlichen Orientierung wahr und sind in ihren Fähigkeiten hierin besser ausgeprägt als Sehende. Interessant ist, dass je früher es zum Verlust des Augenlichts kommt, desto besser sich der Hörsinn entwickelt. Menschen, die sich schon seit früher Kindheit mit der Blindheit arrangieren müssen, hören demnach besser als Sehende oder solche, die später erblinden. Der Verlust des Sehens kann in der frühen Entwicklung des Menschen effizienter angepasst werden. Es wird eine Vernetzung im Gehirn realisiert, mit dem Ergebnis, dass der Verlust eines Sinnes besser kompensiert wird.

Frühe Blindheit– alternative Verschaltungen im Gehirn

Der Zeitpunkt des Entstehens der Blindheit ist also ausschlaggebend dafür, ob sich die im Gehirn alternativen Verschaltungen bilden konnten. Dieser Effekt wurde von Frédéric Gougoux anhand der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) nachgewiesen. Probanden, die von Geburt an blind waren, konnten ein Geräusch am genauesten lokalisieren. Ausschlaggebend für diese punktgenaue Lokalisierung war zur Überraschung der Wissenschaft ein Areal im Gehirn, welches normalerweise für die Darstellung visuellem Inhalts zuständig ist. Es ist daher anzunehmen, dass die Reizverarbeitung der Hirnrinde für visuelle Inhalte bei Blindheit anders genutzt wird als bei Sehenden. Es werden also Hörareale des Gehirns angesprochen, die bei Sehenden normalerweise die Sehinformationen auswerten. Musikalisch gesehen, profitieren blinde Personen demnach aus einer Gänze ihres geschärften Sinnes. Musik bietet somit den angehenden Künstlern trotz Blindheit, ihre Talente zu entwickeln und ihren Platz in der Welt der Künste zu finden.

Trotz Blindheit exzellentes Musizieren möglich

Spielt man blinden Musikern beispielsweise zwei aufeinander folgende Töne unterschiedlicher Höhe vor, ist es trotz Blindheit möglich, diese exakt zu bestimmen. Blinde haben hier einen vortrefflichen Sinn, die Tonsequenz zu erkennen und bei Ab- oder Aufstiegssequenz zu beziffern. Auch bei erhöhtem Schwierigkeitsgrad, bei dem entweder die Dauer des Tons verkürzt oder die Abstände zwischen ihnen vergrößert sind, konnten erblindete Testpersonen besser als Sehende den Vorgang definieren. Bei räumlich sowie akustischer Diskrepanz der aufeinanderfolgenden zwei Töne können blinde Personen dieses optimal benennen. Diese Fähigkeit betitelt man im Allgemeinen in Musikerkreisen als das absolute Gehör. Natürlich verfügen auch Sehende über dieses absolute Gehör. Eine Eigenschaft von versierten Musikern und die unter Künstlern im höchsten Maße als erstrebenswert  gilt. Jedoch kann unter den Sehenden nur etwa jeder zehnte auf Anhieb die Höhe eines Tons bestimmen, während blinde Personen rund 60 Prozent das absolute Gehör besitzen.

Blinde Musiker müssen ihre speziellen Fähigkeiten trainieren

Da Musik üblicherweise notiert ist, muss man sie sehen, oder zumindest fühlen. Bei Blindheit sind Musiker auf eine ähnliche Form der Braille-Blindenschrift angewiesen und lesen in Braille-Musiknotation. Diese besteht aus einem speziellen Code, der exakt der gedruckten Musik entspricht. Da blinde Musiker im allgemeinen besser hören, lernen sie weit mehr über das Gehör als Sehende. Allein bei der klassischen Musik muss der Musiker das Notenlesen beherrschen, da es hier auf viele Details ankommt. Bei anderer Musikrichtung ist es jedoch nicht zwingend nötig, Noten zu lesen. Es ist hingegen durchaus möglich, durch Improvisation oder Nachahmung von Melodien, ein Instrument zu erlernen. Die einzige Schwierigkeit besteht darin, bei Blindheit dem Musiker eine Form von Spieltechnik beizubringen. Eine visuelle Unterstützung vom Lehrer ist hier nicht möglich. Blinde Personen können natürlich andere Musiker nicht beim Spielen sehen und ihre Technik imitieren. Doch kann der Lehrer ihnen bei vollem Körpereinsatz und Anwendung von bestimmten Muskelpartien die Technik sichtbar machen.

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