Nur Legende? Der Rattenfänger von Hameln

Die wohl bekannteste Sage, unendlich oft erzählt und übersetzt, basiert indes tatsächlich auf einer wahren Begebenheit. Das Verzücken durch Musik führte hier jedoch zu keinem Happy End.

Unsere „Version“ des Rattenfängers von Hameln erschien in einer Sammlung der Gebrüder Grimm um 1816 und wanderte um die Welt. Die Stadt Hameln jedoch weiß, hier verschwimmen Legendenerzählungen mit wahrer Geschichte. In den Stadtbüchern zu Hameln lässt sich die Sage finden und auf ihren Legendenwert hin untersuchen. Im Jahre 1572 wurde die Geschichte auf den Kirchenfenstern sogar verewigt. Wir sehen also, die Legende des Rattenfängers von Hameln ist eine der Wirklichkeit übersteigende ereignisreiche Geschichte, die zunächst auf mündlicher Überlieferung basierte und angereichert ist mit fantastischer Erzählung, die als schriftlicher Schatz die Sprache und Kultur des Volkes jener Zeit überlieferte.

Die Geschichte des wohl berühmtesten Rattenfängers

Nur Legende? Der Rattenfänger von Hameln

Im Jahre 1284 wurde in Hameln ein Mann gesichtet, der sich als Rattenfänger ausgab. Er bot sich an, alle Ratten und Mäuse aus der Stadt zu jagen. Da die Stadt ein riesiges Rattenproblem hatte (damals wie heute ein Problem der Hygiene und Krankheitsverbreitung), kam dieses Angebot sehr gelegen. Auf spektakuläre Weise zog der Rattenfänger ein Pfeifchen aus der Tasche und begann zu pfeifen. Daraufhin kamen aus allen Ecken und Winkeln der Stadt Ratten und Mäuse zum Vorschein, die er somit sicher aus der Stadt in den angrenzenden Fluss trieb. Die Stadt Hameln wollte ihn für die erbrachte Leistung jedoch nicht bezahlen, woraufhin er am folgenden Tag zurück kam und erneut auf seiner Pfeife spielte. Diesmal folgten ihm jedoch keine Ratten, sondern alle Kinder der Stadt, die ihm in großer Zahl hinterherliefen. Er führte sie aus der Stadt hinaus und verschwand für immer, samt Kinder.

Was ist an der Geschichte also wahr?

Ratten und Mäuse waren eine große Gefahr, zwar noch nicht als Überträger der Pest bekannt, jedoch als böse Schädlinge gefürchtet. Rattenfänger gab es wirklich. Diese wurden jedoch gesellschaftlich auf einer Ebene mit dem Henker und Latrinenreiniger gleichgestellt und als schwarze Magier oder Zauberer geächtet. Ohne bürgerliche Rechte zogen sie zumeist von Dorf zu Dorf und boten ihre Dienste an. Als der Rattenfänger nun jedoch nicht bezahlt wurde, kam er in die Stadt zurück. Das Datum ist sogar bekannt, nämlich am Tag von Johanni und Pauli, dem 26 Juni 1284. Es wurden insgesamt 130 Jugendliche heraus zum Ortstor geführt nach Siebenbürgen (auffällig, die genauen Daten und Eckpfeiler der Geschichte zu benennen).

Theorien

  • Da an diesem Tag „Johanni und Pauli“ gehuldigt wurde, waren die Erwachsenen den ganzen Tag bei den Gottesdiensten eingespannt und somit nicht daheim,- waren also bei der Rückkehr des Rattenfängers nicht anwesend und in der Lage, die Tragödie abzuwenden.
    Die Frage ist allerdings: Ließen die Eltern wirklich ihre Kinder den gesamten Tag über unbeaufsichtigt?

  • Flucht vor der Pest: Dafür war es eigentlich eher zu früh, da die Pest nicht vor 1347 in Europa ausbrach.

  • Originell aber nicht erwiesen: Ein heidnischer Sektenführer soll die Kinder entführt haben und sie in den Wäldern bei Koppenbrügge zu ritualem Tanz betört haben. Dort seien sie bei einem Bergrutsch ums Leben gekommen.

  • Die Besiedelung des Ostens: Wurde gewissenhaft geplant und organisiert. Sogenannte Anwärter übernahmen die Bekanntmachung in Dörfern und Siedlungen, die im Auftrag eines adligen oder geistlichen Herrn vorher vermessenes Land an Bauern vergeben sollten. Als Landanwärter waren sie bunt gekleidet und machten durch Musik, Pfeifen und Trommeln auf sich aufmerksam. Dabei appellierten sie stets an junge Leute, ihnen zu folgen und boten eine Aussicht auf Abenteuer, Leben und kostenlose Landzuteilung. Die Besiedelung des Ostens im 13. Jahrhundert war mit Schwerpunkt auf Ostpreußen, den Balkan und Siebenbürgen gelegt. Bei Stand damaliger Kommunikation und Entfernung eine denkbare Variante, da die Menschen sich zu weit entfernten und die Annahme des Verschwindens bestätigen.

Möglicherweise ist die letztgenannte Theorie die am meisten zutreffende. Hier geraten gleich zwei unterschiedliche Ereignisse aufeinander und verschmelzen zu einer Legende: Der Rattenfänger von Hameln, möglicherweise komplett unschuldig an den darauffolgenden Ereignissen, und ein möglicher Appell der Landanwärter bei schlussendlich aufbrechender jungen Bevölkerung ins Siebenbürgen Tal.

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